| Lustobjekte,Fetisch und Lotosschuhe |
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Lustobjekte, Fetisch und Lotosschuhe Auch wenn die Kulturen, die sie hervorbrachten, noch so unterschiedlich sind, ist den westlichen Fetischschuhen und den winzigen chinesischen Lotosschuhen doch gemeinsam, daß sie die Trägerin zum Objekt machen und dabei vom Betrachter als erotisch stimulierend empfunden werden. Den Fetischisten des Westens geht es allerdings eher darum, beherrscht zu werden, wohingegen in China Passivität, deren Symbol die eingeschnürten Füße sind, als Schlüssel zum Liebesglück gilt. Die Fetischschuhe des Westens waren, so definiert die Schuhhistorikerin Mary Trasko den Unterschied, immer „glatt und kantig wie eine Waffe", während die Schuhe des Ostens „eher etwas von Dessous haben, mit zart besticktem Obermaterial aus Satin". In der westlichen Welt gab es Schuhliebhaber bereits in der Antike, doch erst im England des neunzehnten Jahrhunderts blühte der Fetischismus wirklich auf und bekam seinen heutigen Namen. Die repressive viktorianische Moral schuf neue Ausdrucksformen der Sexualität. Frauenbeine waren so kategorisch unter bodenlangen und in Stiefeln verborgen, daß schon ein einziger Blick auf den Knöchel als erregend galt. Frauenfesseln und, übertragen, ihre Schuhe und Stiefel wurden zum Symbol verborgener Körperteile, und die Lust an Füßen oder ihrer Fußkleidung wurde zum Tabu. Und so blühte denn Mitte des vorigen Jahrhunderts der Londoner Markt für Pornographie und Schuhe mit Zwölf-Zentimeter-Absätzen im Verborgenen. Auch anderthalb Jahrhunderte später und obwohl es Zeitschriften wie High Heel Honeys und Super Spikes gibt, ist Schuhfetischismus noch ein Tabuthema, teils vielleicht, weil es mit Transvestitentum und Sado-Maso-Praktiken in Verbindung gebracht wird. Der klassische Fetischist der westlichen Kultur liebt schwarzes Lackleder (den „Wet-Look"), extrem hohe Bleistiftabsätze (die als Zeichen sexuell angriffslustiger Frauen gelten) oder schenkelhohe Schnürstiefel (wie sie die statuesken Comic-Heldinnen tragen, deren Brüste wie Torpedos aus der knappen Latexkluft hervorstechen). Hohe Absätze mindern die Bewegungsfreiheit – eine Art Frauen zu fesseln, die manche erotisch finden –, während die gefährlich aussehenden Formen den passiven Mann erregen, der es genießt, bedroht zu werden. Doch jeder Fetischist hat seine Vorlieben. Manche Schuhe –mit Vorhängeschlössern, Riemen, nietenverzierten Knöchelspangen – suggerieren Unterjochung ebenso wie Dominanz und stellen den Fuß, wie die Modehistorikerin Anne Hollander es formuliert, als schöne Sklavin dar. In Extremfällen wird die Frau ganz überflüssig, und der Fetischist ist zufrieden, wenn er den Samstagabend mit einem hochhackigen Pumps verbringen darf. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, ob tatsächlich oder symbolisch, ist offenbar das Entscheidende für die Fetischwirkung eines Schuhs, unabhängig vom kulturellen Umfeld. Doch anders als im Westen, wo ein Schuh mit zunehmender Höhe als immer erotischer empfunden wird, ist der Maßstab in China die Zierlichkeit. Schon lange bevor das Einschnüren von Füßen zu einem kulturell abgesegneten Quasi-Fetischismus wurde, galten in der chinesischen Gesellschaft besonders kleine Füße als schön. Schon im 10. Jahrhundert trugen Tänzerinnen am kaiserlichen Hof enge Socken, damit ihre Füße kleiner erschienen. Dieser Brauch breitete sich in der Oberschicht aus, und daraus entwickelte sich das noch schmerzhaftere Einschnüren der Füße, das zugleich auch ein Initiationsritus war. Eine aristokratische Mutter ließ sich vom Astrologen den Zeitpunkt für die gin-lienZeremonie ihrer Tochter bestimmen, die Initiation, die zwischen dem dritten und achten Lebensjahr stattfand. Die Nägel des Mädchens wurden beschnitten, dann wurden die vier kleinen Zehen unter den Fuß gebogen festgebunden. (Der große Zeh blieb frei, so daß eine Halbmondform entstand.) Nach jedem Baden wurde der Fuß fester verschnürt und dann in einen Schuh gezwängt, der eine Nummer kleiner war als der vorherige. Die Mutter hoffte, daß ihr eines der großen Wunder ihrer Kultur gelingen würde: der „Goldene Lotos", ein Fuß, der nur siebeneinhalb Zentimeter maß. Unverhüllt sah das Mädchen seine Füße von nun an nur noch beim Baden oder, später, wenn ihr Mann sie beim Liebesspiel enthüllte. Trotz ihrer Verkrüppelung galten Lotosfüße als erotischster Teil eines Frauenkörpers, und entsprechend reich waren die zarten Slipper oder Stiefelchen gearbeitet, die sie bedeckten. Chinesische Ehemänner verehrten die winzigen Lotosschuhe ihrer Frau und stellten sie bis weilen auf einem Tellerchen zur Schau (auf dem dann immer noch Platz frei blieb), um zu zeigen wie klein sie waren. Die Frauen besaßen Hunderte solcher Schuhe und verbrachten viele Stunden damit, sie mit Symbolen zu besticken, die ihnen Fruchtbarkeit, langes Leben, Glück und eine harmonische Ehe bescheren sollten. Schuhe die am Hochzeitsabend getragen wurden, zeigten oft eindeutige erotische Szenen, die der jungfräuliche Braut als Anleitungen dienten.
Als China 1912 Republik wurde, kam das Binden der Füße aus der Mode und war in den meisten Provinzen fast schon ausgestorben, als es Mao 1949 verbot. Heute schämt man sich in China dieses Rituals, das tausend Jahre lang offen praktiziert wurde, und Lotosschuhe sind Sammlerstücke, die von einem Brauch Zeugnis ablegen, den die heutigen Chinesen am liebsten vergessen würden. Anders im Westen, wo der Fetischismus stets als subversiv gegolten hat und wo durch veränderte Einstellungen zur Sexualität Fetischobjekte heute als schick gelten. In den letzten beiden Jahrzehnten sind Fetisch-Accesoires regelrecht Mode geworden, und Fetischschuhe sind heute Teil des modischen Mainstream. |
