| Einführung Schuhe |
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Ein neuer Lebensabschnitt, ein Prinz vielleicht oder sonst etwas Aufregendes —alle kleinen Mädchen träumen davon, daß wie im Märchen von Aschenbrödel sich auf wundersame Weise durch Schuhe ihr Leben verändert. „Ob bewußt oder unbewußt, jede Frau hat Sehnsucht nach Romantik", sagt der Schuhdesigner Stuart Weitzman dazu. Schuhe sind ein erster Schritt zur Veränderung, mit Schuhen läßt man die Vergangenheit hinter sich und betritt Neuland. Jahrhundertelang blühten Frauenschuhe im Verborgenen, ver steckt unter den Rüschen der Unterröcke oder einer weit ausladenden Krinoline. Paradoxerweise zählen sie trotz dieses Schattendaseins bis heute zu den Kleidungsstücken, die am meisten enthüllen. Mag sein, daß die Augen die Fenster der Seele sind, doch Schuhe öffnen den Zugang zur Persönlichkeit. Psychologen werden nicht müde, der verborgenen Symbolik des Schuhs nachzuspüren, spre chen von der phallischen Form, deuten ihn als mystisches Gefäß. Manche sagen, Frauen sammelten Schuhe als Ersatzhandlung für die Reisen, von denen sie eigentlich träumen; ,Andere sehen darin Symbole ihres Strebens nach Erleuchtung. ein neues Paar Schuhe „heilt zwar vielleicht keinen 1Liebeskummer und vertreibt auch keinen Spannungskopfschmerz", schreibt die Spezialistin Holly Brubach, „aber ~. lindert die Symptome und hebt die Laune." Man i muß nicht einmal besonders eitel sein, um einen ganzen Wochenverdienst für ein Paar auszugeben, dem man einfach nicht widerstehen kann. Wenn man der Statistik glauben darf, besitzen Frauen in der westlichen Welt im Schnitt mindestens 30 Paar Schuhe, und passionierte Sammlerinnen bringen es nicht selten auf weitere hundert. Eine Frau, die von ihrer Lieblingsform ganz selbstverständlich jede Variation kauft, setzt nur die Maxime in die Tat um, die jeder Schuhfreund kennt — wenn Du einen Schuh findest, in den du dich verliebst, dann mußt du ihn in jeder Farbe haben. Man kann mit seinem Körper noch so unzufrieden sein, die Füße lassen einen niemals im Stich. „Füße werden nicht dick und nehmen auch nicht ab", meint Sara Vass, eine Sammlerin, die über 500 Paar im Schrank hat. „Wenn man e paar Pfund zunimmt, dann paßt einem vielleicht die Lieblingshose nie mehr, aber auf die Lieblingsschuhe ist immer Verlaß." Doch einer pss sinnierten Schuhsammlerin geht es eher darum, sie zu besitzen als zu tragen. Deshalb kaufen Frauen immer wieder neue Schuhe, au wenn sie nur wenige davon wirklich anziehen. Und aus dem gl eben Grunde würden sie sich auch von einem Schuh, den sie wirklich mögen, niemals trennen, selbst wenn er völlig untragbar ist. Seit altersher sind Schuhe Ausdruck des Ansehens und Wohlstands der Trägern. Die Aristokratinnen des frühen 19. Jahrhunderts schmückten sich mit hauchdünne Brokatslippern, deren Sohlen nicht einmal ein paar Schritte im Freien überstanden hätten, während die Hausmädchen bei der Arbeit kräftige Lederstiefel anhatten. Die Goldsohlen-Sandalen römischer Kaiserinnen, die Pumps mit roten Absätzen, die man am Hofe Ludwigs XIV. trug, und die Gucci-Slipper unserer Tage sind allesamt Visitenkarten, die Wohlstand und sozialen Status veralten. Und nicht nur die Sozialgeschichte spiegelt sich in Schuhen, sie sind auch Dokumente unseres eigenen Lebens — Marksteine, die eine bestimmte Zeit, einen Ort, ein Gefühl ins Gedächtnis rufen. Als Erinnerungsstücke an den Tag, an dem sie getragen wurden, bewahren Schuhe Vergangenes, sie beschwören lebendige Erinnerungen herauf wie ein Fotoalbum — der winzige erste Schuh eines Kindes, für alle Zeiten in Bronze festgehalten, oder ein Paar Brautschuhe in der Schachtel, in der sie geliefert wurden. Die Anziehungskraft neuer Schuhe ist nicht in Worte zu fassen, und 1die verwegensten Tagträume kommen dabei ins Spiel. Wir verlieben uns auf den ersten Blick in einen Schuh, lassen uns vom Schwung eines Absatzes, von der sinnlichen Kurve eines Schuhs verfuhren. Eine kokette Schleife, Perlenstickerei Zuckerguß — das sind Reize, denen man nicht widersteht. Ein Impulskauf im Schuhgeschäft hat damit zu tun, daß man neue Schuhe braucht — was uns schwach werden läßt, ist einfach die Verlockung, mit einem neuen Schuh in eine neue Persönlichkeit zu schlüpfen. Ein alter Schuh mag Vertrauen einflößen, aber er hat nichts Verlockendes. Alles Vertraute wird irgendwann langweilig, und wenn man einen Schuh erst einmal richtig eingetragen hat, verfliegt die Faszination. Ob ein Schuh praktisch oder bequem ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Das ist vielleicht auch die Erklärung dafür, daß 88 Prozent aller Frauen ihre Schuhe eine Nummer zu klein kaufen. Manch ein Schuh ist witzig oder schlicht und einfach überwältigend und dabei Manolo Blahnik, 80er Jahre. durch und durch unbequem. Schuhe, die wie angegossen passen, sind eher die Ausnahme. Doch darauf kommt es, wie die Modeschöpferin Diane von Fürstenberg gesteht, auch überhaupt nie an: „Man blickt hinunter zu den Füßen und zwinkert sich zu." Und so wählen denn die Frauen da, wo Phantasie und Realität aufeinanderprallen, ohne Zögern das Unvernünftige. So schön der Gedanke an einen bequemen Schuh auch sein mag, will jede Frau im Innersten doch eine Pantolette mit Sex-Appeal. Bewundernde Blicke bekommt man schließlich nur mit hohen Absätzen. Eine Birkenstock-Sandale mag Erholung für die Füße sein, doch eine Kreation von Blahnik verspricht Abenteuer. |
