| Der Stiefel |
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Als Bette Midler einmal sagte: „Gebt einem Mädchen die richtigen Schuhe, und sie erobert die Welt", da könnte sie an Stiefel gedacht haben. Von jeher sind Stiefel Symbole der Stärke gewesen und gelten auch als Talisman. In den Märchen vom Däumling und vom Gestiefelten Kater wenden die vom Pech verfolgten Helden ihr Schicksal, als sie die Stiefel ihrer Unterdrücker stehlen und selbst hineinschlüpfen. Und General Patton fand, daß aus gewöhnlichen Soldaten Krieger wurden, sobald sie in Stiefeln steckten. Spanische Höhlenmalereien, die auf das Jahr 13.000 v. Chr. datiert werden, zeigen Männer wie Frauen in Stiefeln aus Tierhäuten und Fell. Doch im Laufe der Jahrtausende differenzierten sich die Geschlechterrollen, die Männer zogen in Stiefeln aus, um die Welt zu erobern, die Frauen blieben zu Hause, und das in Slippern, die so empfindlich waren, daß sie kaum aus dem Boudoir herauskonnten. Praktisches Schuhwerk für Frauen hätte diese Ordnung ins Wanken gebracht; es war einer der Anklagepunkte gegen die Jungfrau von Orleans — die ihres aufwieglerischen Auftretens wegen als Hexe galt —, daß sie sich in schenkelhohe Männerstiefel gekleidet habe.
Im 18.Jahrhundert liefen Stiefel als modische Fußbekleidung für Männer den Slippern den Rang ab, doch die wohlhabenden Frauen wurden auch weiterhin durch ihre hochempfindlichen Samt- und Seidenschuhe im wahrsten Sinne des Wortes ans Haus gefesselt. Die einzige Ausnahme von dieser Regel waren Reitstiefel — eine zierlichere Variante des Männerstiefels —, die Frauen zu Pferde tragen durften.Erst ab etwa 1830 setzten sich bei nicht-werktätigen Frauen Stiefel durch. Damit sie am Frauenfuß zierlicher wirkten, wurden diese neuartigen knöchelhohen Stiefeletten auf schmaleren Leisten gearbeitet und fest verschnürt oder geknöpft getragen. Sie sollten den Fuß ganz umschließen und von jeder Versuchung fernhalten, doch die Wirkung war das genaue Gegenteil — sie ließen die Wade weitaus attraktiver erscheinen und erwiesen sich als ausgesprochen erotisch.
Als Mitte des Jahrhunderts die Massenproduktion anlief, wurden Stiefel auch für Dienstmädchen und nicht nur für die Damen, denen sie dienten, erschwinglich. Stiefel waren nun keine Statussymbole mehr, sondern im Gegenteil Zeichen der sich immer weiter einebnenden Geschlechter- und Klassenunterschiede. Erst in unserem Jahrhundert nahm sich auch die Mode der Frauenstiefel an. Neue Formen, Materialien, Schaft- und Absatzhöhen gab es in großer Vielfalt, und nun waren Frauen, nicht mehr die Männer, die Paradiesvögel unter den Stiefelträgern. In den sechziger Jahren kam die Minirock-Mode, die mehr vom Frauenbein enthüllte als je zuvor; Coco Chanel nannte sie eine „Fleischbeschau". Stiefel waren nun kein bloßes Zubehör mehr, sondern zogen oft das Hauptaugenmerk auf sich. Von der „Beatle"-Stiefelette bis zu schenkelhohen Formen traten sie selbstbewußt ins Rampenlicht und kündeten von der Befreiung der neuen Frau von den Traditionen der 80er Jahre. „Schräge" Stiefel brauchten nun nicht mehr von Fetischisten im Schrank versteckt zu werden, sondern fanden den Weg auf den Laufsteg. Ähnlich wie die Arbeitsschuhe wurden auch Cowboystiefel vom einfachen Gebrauchsgegenstand zum Modeobjekt erhoben und galten – nicht zuletzt dank des Films Urban Cowboy –plötzlich als schick. Heute verbinden Doc Martens – der Inbegriff des wuchtigen Stiefels für beiderlei Geschlecht – sämtliche Moderichtungen, von Skinheads über Punks und Psychobilly bis zum Grunge. Und Springerstiefel trägt man, genau wie Schuhe von Manolo Blahnik, einfach zu allem, von Jeans bis zu Dessous. Es hat Jahrtausende gedauert, doch heute sind Stiefel wieder Männer- und Frauenschuh zugleich. |
