| Chopinen und Plateausohlen |
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Jahrhundertelang haben Männer die Frauen auf den Sockel gehoben, verlockend und unerreichbar. Und die Mode folgte dem Ideal – bisweilen bis zur Lächer-- lichkeit. Im Venedig des sechzehnten Jahrhunderts standen Frauen auf Sockeln – den sogenannten Chopinen –, die nicht selten zu der unglaublichen Höhe von 75 Zentimetern aufragten. Die aus Holz oder Kork gefertigten Stützen waren mit Leder oder edelsteinbesetztem Samt passend zu den Schuhen bezogen, die darauf standen. Die venezianischen Chopinen hatten Vorläufer in Spanien, wo sie im fünfzehnten Jahrhundert so populär waren, daß, sie beinahe die Korkvorräte des Landes erschöpften; in Venedig wurden sie zum Erkennungszeichen von Wohlstand und gesellschaftlichem Rang. Zwei Bediente waren erforderlich, um die Trägerinnen solch lächerlich unpraktischen Schuhwerks zu stützen, doch die Frauen trugen ihre Chopinen stolz – trotz allem Spott der Touristen, die eigens nach Venedig kamen, um diese lebenden Statuen auf ihren hohen Säulen zu bestaunen.
Die Mode schwappte auch nach Frankreich und England über, und auch dort schwankten die Frauen stoisch auf Stelzen einher, auf denen sie ohne Hilfe nicht aus dem Haus konnten. Zwei Jahrhunderte lang blieben solche „spazierenden Schemel",wie sie genannt wurden, in Mode; erst dann kam die Erkenntnis auf, daß sich in solchen Schuhen leichter gehen ließ, wenn die Sohle vorn niedriger war als hinten. Der Absatz war geboren, und als Rangsymbol lief der rote Absatz dem Chopine rasch den Rang ab. Die schwindelerregenden Höhen der Chopinen erreichten Plateausohlen nie wieder, doch in unserem Jahrhundert sind sie – in Zyklen von etwa zwanzig Jahren Abstand – immer wieder einmal Mode gewesen. Die erste solehe Welle kam in den dreißiger Jahren, als die kleinwüchsige Schauspielerin Carmen Miranda mit ihrem Turban und einem Koffer voller glitzernder Keilabsatzschuhe nach Hollywood kam.
In Europa entstanden zur gleichen Zeit Plateausohlen aus synthetischen Materialien, ein praktischer Ersatz für knapp gewordenes Leder und Holz. Ferragamo nahm die Herausforderung an, schichtete mehrere Lagen Kork übereinander, bezog sie mit gewachster Leinwand und schuf dabei einige der denkwürdigsten Schuhe seiner ganzen Karriere. In den Nachkriegsjahren verschwanden die Plateausohlen, doch 1967 brachte Vivier sie wieder auf, und in den psychedelischen Siebzigern trug sie jeder, der schick sein wollte. Je weiter die Hosenbeine wurden, desto dicker die zugehörigen Sohlen und desto schreiender ihr Dekor. Obwohl Mediziner vor Rückgratschäden warnten, die diese ungelenken, klobigen Schuhe verursachten, trugen Männer wie Frauen sie — darunter Popstars wie Diana Ross, Stevie Nicks und Elton John, der eine große Sammlung davon hatte. Mit der Wiederkehr der Disco-Mode kam Anfang der neunziger Jahre die nächste Welle, und die Club-Kids stampften sich auf den Tanzböden in straßbesetzten Plateausandalen oder dicksohligen Vinyl-Turnschuhen die Seele aus dem Leib. GAP hatte für die nicht ganz so Modemutigen eine Ledersandale mit 5 Zentimeter-Keilabsätzen im Programm. Auch heute noch knicken die Frauen damit so unelegant um wie vor Jahrhunderten, und manche Augenbraue hebt sich beim Anblick fast so hoch, wie die Füße sich darin vom Erdboden heben, aber man darf wohl trotzdem voraussagen, daß um das Jahr 2010 die Plateausohle zu ihrem nächsten Höhenflug antreten wird. |
